Lothar Schnitzler

Die Reichen werden immer reicher,

die Armen zahlreicher

Für die Verarmung von immer mehr Menschen gibt es eindeutige Hinweise. Im Vergleich der Lebenssituationen mit den großen Industrienationen landet Deutschland mit Rang 15 in der Gesamtwertung nur im Mittelfeld. Besorgniserregend ist die hohe Kinderarmut. Außerdem hängt der Schulerfolg von Jugendlichen zu stark von der sozialen Herkunft ab. Und trotz Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt haben Geringqualifizierte es schwer, einen Job zu finden. Der DGB spricht von einem „Armutszeugnis“ für Deutschland. In Dänemark fällt nur eines von 37 Kindern unter die Armutsgrenze, in Deutschland jedes neunte Kind.

Als arm gelten Haushalte, die mit weniger als der Hälfte des mittleren Einkommens auskommen müssen (jenem Wert, bei dem 40 Prozent aller Haushalte darüber und 60 Prozent darunter liegen). Sehr viele 18- bis 25-Jährige sind nach dieser Definition in Deutschland ebenfalls arm. Nur zum Teil hängt dies mit langen Ausbildungszeiten zusammen. Die soziale Schieflage wird sich für die künftigen Generationen als schwere Hypothek für die Zukunft des deutschen Sozialstaats erweisen.

In Deutschland öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter. Die Ungleichverteilung hat innerhalb von zwei Jahrzehnten so stark zugenommen wie in kaum einem anderen Industriestaat. Auch bei der Integration von Migranten erhält Deutschland schlechte Noten.
Besonders die Altersarmut trifft mehr und mehr auch Normalverdiener. Das Armutsrisiko künftiger Rentner ist laut Berechnungen des Arbeitsministeriums deutlich höher als bisher vermutet. Ab 2030 bekommen z. B. Arbeitnehmer, die 2.500 Euro brutto im Monat verdienen und 35 Jahre Vollzeit gearbeitet haben, nur eine Rente in Höhe des Grundsicherungsbetrags von 688 Euro. Das bedeutet, dass diese Rentner mit dem Tag des Renteneintritts den Gang zum Sozialamt antreten müssen. Grund sind die beschlossenen Rentenreformen, nach denen das Rentenniveau bis 2030 von derzeit 51 Prozent auf 43 Prozent des durchschnittlichen Nettolohns vor Steuern sinkt. Obwohl das Problem bekannt ist, haben etwa 40 Prozent der Geringverdiener – das sind 1,8 Millionen Beschäftigte – immer noch keine zusätzliche private Vorsorge, weil sie sich die Kosten dafür nicht leisten können. Ja, Union, SPD, FDP und Grüne haben mit ihren Kürzungsfaktoren die gesetzliche Rentenversicherung so auf den Hund gebracht, dass Millionen und Abermillionen selbst bei langjähriger Versicherung und ordentlichen Einkommen nur noch Armutsrenten zu erwarten haben. Die Einkommens-Entwicklung mit tendenziell sinkenden Löhnen und Gehältern ist ein Grund dafür, dass auch Menschen in die Altersarmut fallen, die Zeit ihres Lebens regelmäßig gearbeitet haben. Auch ein Mindestlohn von 10 Euro reicht im Grunde noch nicht aus, eine ausreichende Rente zu beziehen.

Bereits jetzt bessern knapp 60 Prozent mehr Senioren als noch vor wenigen Jahren ihre Rente mit einer geringfügigen Beschäftigung auf, weil sie nicht mehr über die Runden kommen. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Ruheständler mit einem Minijob um knapp 60 Prozent - also gut um 280.000 auf etwa 761.000 - gestiegen. 120.000 Minijobber waren 2012 über 75 Jahre alt. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit hatten Ende vergangenen Jahres gut 154.000 Menschen im Rentenalter eine sozialversicherungspflichtige Stelle. Damit hat sich ihre Zahl seit Ende 1999 knapp verdoppelt. Der Großteil dieser Beschäftigten - gut 80.000 - hatte sogar eine Vollzeitstelle. Selbstständige sind in dieser Statistik nicht berücksichtigt.

Reiche werden immer reicher, Arme immer zahlreicher. Die Zahlen dazu sind eindeutig. Deutschland ist kein cooles, wirtschaftlich erfolgreiches Land, wenn in ihm 7 Millionen Arbeitnehmer weniger als 8,50 Euro verdienen, Zeitarbeiter 40 Prozent weniger - oder garnichts, wie wir am Bostalsee und bei Höll erleben müssen - verdienen. Und auch heute verdienen Frauen 22 Prozent weniger als Männer in vergleichbaren Tätigkeiten. Bei uns in Deutschland sind 15 Millionen Menschen ohne Ausbildung. Warum? Ein Skandal, der so nicht hinnehmbar ist. Wir aber sagen: Von seiner Arbeit muss ein Mensch auch leben können.

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